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Georg von Holtzbrinck-Schule, 25.04.2008
Anstalt für Kronen der Schöpfung
Assessment-Center 2003, Düsseldorf. Die Tür geht auf, und herein tritt ein hagerer, junger Mann. 90 Sekunden stehen ihm zur Verfügung, um die Auswahljury der Holtzbrinck-Schule von seinen Vorzügen zu überzeugen. Schafft er es?

Er nimmt ein Flip-Chart und schreibt auf Japanisch: „Ich würde gerne Ihr Ostasienkorrespondent werden.“ Die Runde ist beeindruckt, Finn Mayer-Kuckuk bekommt das Volontariat. Mittlerweile berichtet der studierte Japanologe für das Handelsblatt aus Tokio.

pixelio.de/Hofschlaeger Er ist einer von 202 Absolventen, die die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten in den vergangenen 20 Jahren hervorgebracht hat: darunter elf „Kronen der Schöpfung“, wie Gründungsschulleiter Ferdinand Simoneit Chefredakteure zu nennen pflegt, acht Ressortleiter und zwölf Auslandskorrespondenten. 49 Ehemalige arbeiten für Handelsblatt und Wirtschaftswoche. Aber auch beim Spiegel, der FTD, Zeit, FAZ, Capital und Manager-Magazin sind heute ehemalige Holtzbrinck-Schüler beschäftigt. Damit wird der Wirtschaftsjournalismus in Deutschland ganz wesentlich von Absolventen dieser Schule geprägt.

Mayer-Kuckuk ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Schule auch offen war für Bewerber mit exotischen Studienabschlüssen. In zwei Jahrzehnten haben neben zahlreichen Betriebs- und Volkswirten auch Archäologen, Forstwirte, Biologen und Kunsthistoriker das Handwerk des Wirtschaftsjournalisten erlernt. Oft hat sich dabei gezeigt, dass es leichter ist, guten Autoren die wirtschaftlichen Grundkenntnisse zu vermitteln, als Ökonomen beizubringen, verständlich zu schreiben. Gerade auf die Verständlichkeit komme es aber an, sagt Gabor Steingart, langjähriger Ressortleiter Wirtschaft beim Spiegel und Mitglied des ersten Jahrgangs 1988: „Ein guter Wirtschaftsjournalist muss seine Artikel so schreiben können, dass auch Tante Frieda sie versteht.“

Das Konzept mit seiner Mischung aus Theorie und Praxis halten die meisten Absolventen auch heute noch für richtig, wie die Ergebnisse der Jubiläumsumfrage von Hans Zinken, dem Leiter der einzigen Online-Klasse, unter den Ehemaligen zeigen. Für die Zukunft fordern sie aber zusätzlich eine stärker multimedial geprägte Ausbildung.

Aufgrund der Praxisnähe sei das Volontariat in Düsseldorf der wesentlich verschulteren Ausbildung an der Journalistenschule in Köln überlegen, sagt Steingart, derzeit Spiegel-Korrespondent in Washington. „Die Ausbildung bei Ferdinand Simoneit war von Anfang bis Ende ein Gewinn.“ Ähnlich sieht das Steffen Klusmann, Jahrgang 1994 und heute Chefredakteur der Financial Times Deutschland. Dass der „Lehr-Herr“, wie Simoneit sich von den Schülern gerne nennen ließ, ihnen zunächst das „streifenfreie Tafelwischen“ beigebracht habe, sei schon nervig gewesen. „Andererseits hat er uns durch intensive Geschichtenexegese Magazinjournalismus pur beigebracht.“ In der ansonsten sehr nachrichtlich getriebenen Verlagsgruppe Handelsblatt sei das die perfekte Ergänzung zur praktischen Ausbildung gewesen.

Für Peter Brors, der mit Klusmann gemeinsam die Schulbank drückte und inzwischen Managing Editor des Handelsblatts ist, war die Ausbildung das „Beste, was man bekommen konnte“, weil man die verschiedenen Veröffentlichungsrhythmen von Printprodukten mitbekommen habe: Tageszeitung beim Handelsblatt, Wochenmagazin bei der Wirtschaftswoche und die monatliche Erscheinungsweise bei DM-Euro. Daran hat sich bis heute nichts geändert, außer dass die Station beim Monatsmagazin jetzt bei der „Jungen Karriere“ stattfindet. Joachim Dorfs, Schuljahrgang 1990 und seit Anfang des Jahres Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, empfindet das ebenfalls als Vorteil gegenüber anderen Journalistenausbildungen: „Die Volontäre lernen innerhalb sehr kurzer Zeit mindestens drei verschiedene Publikationen kennen.“

Diese Einschätzung teilt die Mehrheit der Absolventen. 72 Prozent sagen nach der Zinken-Umfrage, dass die Schule die Grundlagen des Wirtschaftsjournalismus gut bis sehr gut vermittelt hat. Vier von fünf Befragten sind der Meinung, dass ihnen die Schule das journalistische Handwerk gut beigebracht habe. Einzige Einschränkung laut Zinken: „Bei den Antworten zu den offenen Fragen heißt es oft, in der Schule solle mehr Zeit für Schreibstillehre und Schreibübungen verwandt werden.“

Ein weiteres Plus der Ausbildung sehen die Absolventen darin, dass sie schon zu Schulzeiten hochkarätige Gäste zum Gespräch vorgesetzt bekamen. „In meiner ersten Schulwoche waren wir bei Daimler in Stuttgart und haben den damaligen Vorstandschef Edzard Reuter interviewt“, sagt Joachim Dorfs. pixelio.de/Hofschlaeger Stefanie Burgmaier, Chefredakteurin von Börse Online und Jahrgang 1991, sagt: „Durch den frühen Kontakt zu Vorständen habe ich schnell die Scheu vor großen Namen verloren.“ Auch Stefan Schmortte, Playboy-Chefredakteur, dessen Heft nicht zuletzt von der Qualität der Interviews lebt, will diese Erfahrung nicht missen: Es sei sehr lehrreich gewesen, schon früh im Volontariat „mit den wichtigen Leuten aus der Wirtschaft“ zu sprechen.

Verbesserungsbedarf sehen die Befragten vor allem bei der Online-Ausbildung. „Die multimediale Ausbildung wird immer wichtiger“, sagt Stefanie Burgmaier. Daher solle man die Volontäre verpflichten, ihr externes Praktikum beim Radio oder beim Fernsehen zu absolvieren, falls sie nicht anderweitig über Erfahrung in diesen Bereichen verfügen. In der Umfrage gehen knapp zwei Drittel der Ehemaligen davon aus, dass die Printmedien in den kommenden Jahren erhebliche Marktanteile an Online abgeben werden, sowohl bei der Nutzung als auch bei der Werbung.

Allerdings hat sich in der Schule in den vergangenen Jahren schon einiges verändert, auch wenn ein Teilnehmer der Umfrage die Online-Ausbildung als „weiterhin desaströs“ bezeichnet und dem aktuellen Jahrgang eine „Verweigerungshaltung gegenüber dem Internet“ vorwirft. Zum Lehrplan gehören inzwischen zwei Online-Schulwochen, die in die Produktion von Audio- und Videobeiträgen einführen. Mit der Einrichtung eines Fernsehstudios beim Handelsblatt sind jetzt auch die technischen Voraussetzungen geschaffen worden, professionelle Filme fürs Internet zu erstellen.

Anfang des Jahres erhielten zudem Jörg Hackhausen (Jahrgang 2006) und Christian Panster (Jahrgang 2005) erstmals Redakteursstellen, die jeweils zur Hälfte der Online- und der Printredaktion gehören. Als eierlegende Wollmilchsäue, vielleicht eine neue Form der „Kronen der Schöpfung“, sollen die beiden per Audio, Video und in geschriebener Form aus Frankfurt alle Vertriebskanäle des Handelsblatts bedienen.

Ob der Multimediaredakteur möglicherweise das einzige Betätigungsfeld im Wirtschaftsjournalismus der Zukunft ist oder auch im Online-Bereich früher oder später wieder eine Spezialisierung stattfinden wird, ist offen: Überzeugt sind die Absolventen aber davon, dass auch in Zukunft gute Wirtschaftsjournalisten benötigt werden. „Der Wirtschaftsjournalismus wird an Bedeutung eher noch zunehmen“, sagt Stefanie Burgmaier, weil die Menschen in einer immer komplexeren Welt verstärkt nach Orientierung suchten. „Die Volontäre müssen auf jeden Fall lernen, eine Bilanz zu lesen“, sagt Peter Brors. Das gehört zu einer Unternehmensanalyse einfach dazu, für Brors immer noch die Königsdisziplin des Wirtschaftsjournalismus.

Nachwuchssorgen muss sich die Schule wohl auch in den kommenden Jahren nicht machen. Zwar wollen nur elf Prozent der Ehemaligen ihrem Kind den Beruf des Wirtschaftsjournalisten empfehlen, 73 Prozent antworten auf diese Frage aber immerhin noch mit „vielleicht", und nur 16 Prozent mit „auf gar keinen Fall“ (siehe Grafik). Die Begründung reichen von „Meinem Sohn liegt das nicht“ über „zu schlechte Bezahlung“ bis hin zu „Der Qualitätsjournalismus steht kurz vor dem Ende“. Nichtsdestotrotz haben sich auch beim Bewerbungsverfahren 2007 über 500 Kandidaten für die zehn Volontärsplätze beworben.

„Dass die Schule bis heute auch nach außen einen guten Ruf hat, sieht man doch an den Jobs, die die Absolventen bekommen“, sagt Peter Brors. Das Karrierenetzwerk unter den Ehemaligen funktioniert eher informell. Joachim Dorfs räumt ein, dass ein Bewerber, der die Holtzbrinck-Schule durchlaufen hat, „bei mir schon einen kleinen Vorteil genießt“. Und auch Klusmann, der schon mehrere Absolventen bei der FTD eingestellt hat, sagt: „Die Leute, die von da kommen, sind einfach gut ausgebildet.“ Die bekämen in ihrer Ausbildung mit, wie Unternehmen funktionieren, und wüssten, wie man recherchiert.

Auseinander gehen die Meinungen bei der Frage, ob Holtzbrinck-Schüler auch bei der Verlagsgruppe Karriere machen können. Gabor Steingart führt Peter Brors und Joachim Dorfs als Beispiele an, die es bis in die Handelsblatt-Chefredaktion geschafft haben. Stefanie Burgmaier sieht das anders: „Es lässt sich doch nicht abstreiten, dass es weder beim Handelsblatt noch bei der Wirtschaftswoche bisher ein Absolvent auf den höchsten Stuhl geschafft hat.“ Für Steingart ist das aber lediglich „ein Zufall - das hätte auch schon passieren können, und ich glaube, das wird noch geschehen“.

Vielleicht klappt es ja pünktlich zum 30-jährigen Schuljubiläum. 2018 ist Bernd Ziesemer 65 und Roland Tichy 63. Ein guter Zeitpunkt, sich als Elder Statesmen ganz auf ihre Aufgaben im Kuratorium der Holtzbrinck-Schule zu konzentrieren.

Til Knipper
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10.09.2010 - 22:29